Wesentlichkeit, Strategie & Transformation

Chancen und Grenzen für Unternehmen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen

Andreas Streubig im Gespräch mit Michael Winter
1. Oktober 2015 Von Michael Winter
Wesentlichkeit, Strategie & Transformation

Andreas Streubig ist Bereichsleiter „Umwelt- und Gesellschaftspolitik“ der Otto Group und verantwortet die Integration von Nachhaltigkeit in alle Geschäftsprozesse des Konzerns. Er leitet den Arbeitskreis „Nachhaltigkeit in der Logistik“ der Hamburger Logistikinitiative. Darüber hinaus ist er beratend und administrativ in verschiedenen Organisationen tätig, die sich für Arbeitnehmerrechte und den Wandel in textilen Wertschöpfungsketten einsetzen.

Herr Streubig, mit nationalen Aktionsplänen zu den UN-Prinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und einem Vorhaben wie dem „Bündnis für Nachhaltige Textilien“ kommt offenbar Schwung in den gesellschaftlichen Transformationsprozess. Wo braucht es Impulse oder sogar eine verbindliche Vorgabe des Staats für gesellschaftliche Transformationsprozesse?

Immer dort, wo die Marktkräfte versagen, denen man in der Vergangenheit zugetraut, hat die Probleme zu lösen. Sicherlich regeln Marktkräfte das Miteinander von Akteuren in Ökonomien. Viele Themen jenseits der volks- oder betriebswirtschaftlichen „Tagesordnung“ kann aus meiner Sicht der liberale Marktgedanke nicht lösen. Dort braucht es gesellschaftliche Impulse, um die Aufmerksamkeit auf die richtigen Themen zu lenken und ein „Level Playing Field“ zu schaffen für Firmen und Vertreter des jeweiligen Segments, damit sie alle sozusagen auf dem gleichen Niveau aufsetzen und von dort aus weiterarbeiten.
Was wir dabei jedoch nicht vergessen dürfen: Schäden im Nachhinein zu verringern kann immer nur die zweitbeste Lösung sein. Ressourcen und Produkte müssen von vornherein mit ihrem wirklichen Preis versehen werden, der möglichst alle Externalitäten berücksichtigt. Nur so werden die vorhin angesprochenen Defizite der Marktlogik langfristig zu korrigieren sein.

Haben Sie aus der Vergangenheit ein positives Beispiel für eine staatliche Vorgabe, die Unternehmen geholfen hat, das Thema voranzutreiben?

Ja, in der Vergangenheit gab es sicherlich solche Themen. Ich denke z. B. an die europäische Holzverordnung, die – bei allen „Geburtsfehlern“, mit denen solche Dinge manchmal behaftet sind – in der Summe doch dazu geführt hat, dass die Nachweispflichten für einen „Inverkehrbringer“ von Holz in der EU heute um ein Vielfaches strenger sind und damit eine gewisse Sorglosigkeit beim Beschaffen von Holz nicht mehr so einfach durchgeht. Man kann auch das Beispiel CO2-Zertifikatehandel nehmen. Dieser hatte in der Ausgestaltung – man orientiert sich ja an Marktmechanismen – ein paar Geburtsfehler, weil man einfach den Preis für CO2 zu niedrig angesetzt und zu viele Zertifikate herausgegeben hat, sodass im Prinzip der Preis verdorben war. Trotzdem hat der Diskurs rund um den Klimawandel zu einer politischen Willensbildung geführt, die spürbar ist.

Wie weit sollte der Staat das Playing Field vorgeben?

Ich bin kein Freund der übermäßigen Regulierung und halte auch den Staat nicht per se für den besseren Denker, den besseren Manager oder dergleichen. Das definitorische Grundverständnis von CR im europäischen Raum beruft sich ja immer noch auf den Freiwilligkeitsgedanken, auch wenn bestimmte Schritte in den letzten zwei Jahren eine zukünftig stärkere Verbindlichkeit erwarten lassen. Ich glaube aber schon, dass man – und das Textilbündnis ist ein Beispiel dafür – in bestimmten Industriesektoren schauen muss, welche negativen Wirkungen auf Umwelt und hier erzeugt werden. Diese Effekte müssen quantifiziert werden. Es braucht eine Kennzahl, die das Ganze in Wert setzt, die uns erlaubt zu unterscheiden, was wesentlich ist und was nicht. Diese Wesentlichkeit legitimiert dann auch gesellschaftliche Intervention, das Playing Field ist sozusagen eröffnet. Nun muss noch sichergestellt werden, dass alle das gleiche Spiel nach denselben Regeln spielen. Diese Regelsetzung an sich ist ja auch nichts Neues, nur deren Anwendung auf Themen der ökologischen und sozialen Verantwortung erschreckt noch den einen oder anderen.

Wir begleiten ja Wesentlichkeitsprozesse seit Jahren im Reporting. Sind diese auch ein wichtiges Managementtool, welches am Ende Unternehmen und Gesellschaft zugutekommt?

Natürlich. Durch einen fundierten Wesentlichkeitsprozess können wir heute ziemlich genau sagen, welche Maßnahmen wirksam sind, um die wesentlichen Auswirkungen anzugehen und welche Themen die Unternehmen in eigener Verantwortung steuern können. Hier braucht es dann eigene Managementinstrumente, die den Unternehmen helfen, in ihren Märkten mit verantwortungsvollen Geschäftspraktiken erfolgreich zu sein.

Die Otto Group hat ja hierzu den ImpACT-Prozess entwickelt. Wie sehr prägt er das Handeln Ihres Unternehmens?

Ja, die Steuerung über ImpACT hat uns neue Möglichkeiten eröffnet, um alle relevanten Auswirkungen – nicht nur Umwelt-, sondern auch soziale Risiken – aus den Wertschöpfungsketten von der Rohstoffgewinnung bis zur Nutzung und Entsorgung durch den Kunden zu objektivieren und messbar und vergleichbar zu machen. Das ist letztlich für die gesamte betriebswirtschaftliche Steuerung von Bedeutung und betrifft u. a. die Produktentwicklung und die Preisbildung. Wenn mit echten Preisen gewirtschaftet wird, die alle wesentlichen Externalitäten abbilden, schaffen wir einen Markt, der funktioniert. Zugegeben, das ist Zukunftsmusik und für den Einzelnen nicht allein umsetzbar. Trotzdem gehen wir hier ein Stück weit in Vorleistung und wollen andere mitziehen. Dabei ist unser Vorgehen systematisch stringent und trotzdem flexibel. Die Welt – und unser aller Agieren darin – verändern sich ja. Alle ein bis zwei Jahre wird die Wesentlichkeitsanalyse, die am Anfang unseres impACT-Prozesses steht, auf Basis aktueller Daten erneuert. Es kann sein, dass sich das Unternehmen aus bestimmten Marktsegmenten zurückzieht und sich anderen zuwendet. Die Risikobewertung für bestimmte Themen kann sich verändern. Deshalb ist es für uns vorteilhaft, dass wir mit ImpACT über ein Instrument verfügen, mit dem wir unsere CR-Strategie einerseits kontinuierlich und andererseits konsistent weiterentwickeln.

Tragen Handelsunternehmen auch Verantwortung über ihre eigenen Prozesse hinaus, z. B. weil sie bei ihren Kunden Verhaltensveränderungen anstoßen können, wie es der „Nudging“-Ansatz propagiert? Und wenn ja, wie bewerkstelligen Sie dies?

Ich glaube schon. Ich sehe da verschiedene Möglichkeiten. Ein Faktor ist Information: So können wir über unsere Onlineplattformen die Auswirkungen erklären, die mit der Herstellung, dem Gebrauch oder auch der Entsorgung eines Produkts verbunden sind. Hierzu können wir den Verbraucher mit Hintergrundwissen versorgen, das über Experten abgesichert ist. Wir können ein „besseres“ Verhalten natürlich auch „incentivieren“, d.h. Anreize für Verhaltensänderungen setzen. Für ein Handelsunternehmen gibt es hier durchaus noch Gestaltungsspielraum.

Richtig, und damit ergibt sich auch eine Verantwortung …

Ja, mit dem Einfluss und den Mitteln, auch den Dialogmöglichkeiten, geht nach meinem Verständnis eine konkrete Verantwortung einher. Ich würde von einem Muss für jedes verantwortungsbewusste Unternehmen sprechen.

Fällt es der Otto Group als Familienunternehmen leichter als börsennotierten Unternehmen, diese Verantwortung anzuerkennen?

Zumindest lässt sich für die vergangenen 30 Jahre sagen, dass die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung einem Familienunternehmen leichter fiel, vorausgesetzt, es gab ein entsprechendes Eigentümerinteresse, wie das bei der Otto Group der Fall war und ist. Inzwischen, da auf den Finanzmärkten auch Fragen der Wirtschaftsethik eine zunehmende Rolle spielen, hat es aber eine Nivellierung gegeben. Generell sollte ökologische und soziale Verantwortung in Unternehmen nicht personenabhängig sein. Es braucht eine Robustheit, die nicht von der persönlichen Überzeugung Einzelner abhängig ist. Wir arbeiten seit Langem daran, Nachhaltigkeit tief in der Organisation und den Geschäftsprozessen zu verankern. Hierbei sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen.

 

Würden Sie sagen, dass eine Transformation möglich ist, weil sich langfristige gesellschaftliche Interessen auch über den Finanzmarkt Geltung verschaffen können?

(lacht) Ja, aber ich glaube, das System hat da noch ein wenig Luft nach oben.

Vielen Dank, Herr Streubig – lassen Sie uns im Gespräch bleiben!

Vita: Andreas Streubig ist seit 1993 für die Otto Group (Hamburg), einer weltweit agierenden Handels- und Dienstleistungsgruppe, tätig.
Vier ganz unterschiedliche Stationen prägten die Laufbahn des ausgewiesenen CR-Experten: Nach der Leitung diverser Vertriebsprojekte reorganisierte er ab 2001 in der internen Unternehmensberatung u. a. die Prozesse und Strukturen verschiedener Konzernunternehmen und war als Senior Manager Consulting auch für die operative Projektsteuerung der Geschäftsprozessoptimierung in der Hamburger Konzernzentrale zuständig.
Als Bereichsleiter Importsteuerung verantwortete er ab Anfang 2005 die Steuerung der weltweiten Importorganisation der Otto Group in den wichtigsten Beschaffungsmärkten, bevor er im Juni 2007 die Position des Bereichsleiters Umwelt- und Gesellschaftspolitik übernahm. In dieser Funktion verantwortet er die Integration von Nachhaltigkeit in alle Geschäftsprozesse des Konzerns.
Andreas Streubig ist regelmäßig Gastredner auf Veranstaltungen im Textil- bzw. CR-Umfeld. Er leitet den Arbeitskreis „Nachhaltigkeit in der Logistik“ der Hamburger Logistikinitiative und ist u. a. Mitglied im Board of Directors von Textile Exchange (TE).